Inhalt

CLEMENS LEONHARD 
Die Bibel in der Liturgie von Christentum und Judentum
Wie viel Bibel braucht die Liturgie? Welchen Stellenwert hat sie und wie verändert sie sich durch die liturgische Verwendung? Das wurde und wird in Judentum und Christentum unterschiedlich und doch oft auch ähnlich gelöst.

MARTIN EVANG
Hermeneutik der Leseordnungen des II. Vatikanischen Konzils und der Evangelischen Kirchen
Nach welchen Maßstäben und Kriterien wurden die aktuellen Leseordnungen erstellt? Welches Anliegen verfolgen sie? Eine kurze Übersicht.

LIBORIUS OLAF LUMMA 
Mehr Gemeinsames oder mehr Unterschiede?
Die Bibel in evangelisch-lutherischer, römisch-katholischer und ostkirchlicher Liturgie
Welche konfessionellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es im Umgang mit der Bibel in der Liturgie? Wovon hängen sie ab? Wer bestimmt sie? Und warum spielt neben Amtsverständnis und Feierform auch die Aufklärung dabei eine Rolle?

INGRID FISCHER 
Welche Bibel hören wir im Gottesdienst?
Sonntag für Sonntag werden im Gottesdienst biblische Lesungen vorgetragen. Doch entspricht das Gehörte auch wirklich dem offiziell approbierten Bibeltext? Die Antwort ist jein. Die Gründe dafür sind vielfältig …

MICHAEL THEOBALD 
Wenn es zwischen den Texten funkt
Zur Begegnung von alt- und neutestamentlichen Lesungstexten an ausgewählten Beispielen
In der Leseordnung werden biblische Texte aus ihrem unmittelbaren Kontext genommen und neu miteinander verknüpft. Das hat auch Auswirkungen auf die Texte selbst. Sie sprechen neu zueinander und miteinander. Und entfalten in diesem Miteinander eine neue Botschaft.

OTTMAR FUCHS 
Rituale in der Bibel
Rituale dienen der Erinnerung. Aber sie verändern gleichzeitig die Gegenwart. Die Bibel erinnert in ihren Erzählungen an solche verändernden Rituale. Und heutige Rituale verändern die Sicht auf die Bibel und ihre Erzählung solcher Rituale. Eine spannende Spurensuche …

ULRIKE BECHMANN 
Junge Frau, steh auf!
Zur biblischen Fundierung der Weltgebetstags-Liturgie
Bibel und Liturgie treffen nicht nur im klassischen Sonntagsgottesdienst aufeinander. Der Weltgebetstag der Frauen ist ein Beispiel von vielen, wie substanziell Bibel für eine liturgische Feier sein kann. Hier ereignen sich Bibel und ihre kontextuelle Auslegung innerhalb des Gottesdienstes. Dadurch wird die biblische Geschichte zur Geschichte der Frauen selbst.

Zwischenruf Katrin Brockmöller
Ein Lektionar ersetzt niemals die Bibel!

Zwischenruf Christina Duncker
»Muss es immer 1 Kor 13 sein?« – Die Leiden einer Gemeindepastorin

Literatur zum Heftthema

Mitgliederforum

Die Bibel in der Liturgie von Christentum und Judentum

von Clemens Leonhard 
Bibel und Kirche 2/20, S. 63–68

Wie viel Bibel braucht die Liturgie? Welchen Stellenwert hat sie und wie verändert sie sich durch die liturgische Verwendung? Das wurde und wird in Judentum und Christentum unterschiedlich und doch oft auch ähnlich gelöst.

Die (fruchtlose) Forderung nach rein biblischen Liturgien

Im vierten Jahrhundert nach Christus versucht ein Konzil von Laodikeia (nahe Denizli in der heutigen Türkei) zu verbieten, dass man »selbstfabrizierte Psalmen oder nicht-kanonische Bücher in der Kirche « liest. Zur selben Zeit beginnen in Ost und West, im Judentum und im Christentum die großen und langfristig erfolgreichen Hymnendichter mit ihrer Arbeit. (Etwas später entsteht im Islam eine Liturgie, die nur aus Suren des Koran besteht.) Jakob Al Kirkisani polemisiert im frühen zehnten Jahrhundert gegen die Liturgie seiner jüdischen Zeitgenossen. Die Bewegung der Karäer, zu der er gehört, fordert, dass die öffentliche Liturgie Israels nur aus Bibeltexten (vor allem Psalmen) bestehen darf. Die Karäer feiern noch heute fast ausschließlich aus Bibeltext bestehende Liturgien. Sie haben sich im Judentum nicht durchgesetzt. Martin Luther reduziert im Formular der Feier des Abendmahls für die Laien das römische Hochgebet auf die biblischen Einsetzungsworte. Er fordert, dass die Form des Rituals den Einsetzungsberichten angepasst wird. Der praktische Vorschlag setzt sich nicht durch. Neue evangelische, eucharistische Hochgebete des zwanzigsten Jahrhunderts nehmen die Akzente Luthers zurück.

Auch dort, wo in den Texten der Gottesdienste beider Religionen die Bibel nicht wörtlich zitiert wird, bedient man sich oft biblischer Ausdrücke. Im Deutschen imitieren liturgische Texte durch Verstöße gegen die Regeln des Satzbaus die Sprache der biblischen Übersetzungen. Im Christentum und Judentum gab und gibt es Strömungen, die fordern, dass sich die Liturgien der Bibel noch weiter annähern. Der Abstand zwischen der Bibel und den christlichen und jüdischen Liturgien bedurfte und bedarf heute der Aushandlung und Begründung und führt zu polemischen Diskussionen. Psalmenlesung als kollektive Frömmigkeitsübung Im jüdischen Gottesdienst und in den christlichen Tagzeitenliturgien werden Psalmen gemeinsam gelesen oder gesungen. Im Christentum kam die Vorstellung, dass man möglichst ununterbrochen einzelne Psalmverse meditiert, mit der Entwicklung des Mönchtums im vierten Jahrhundert auf. In den klösterlichen Regeln, nach denen Psalmen gemeinsam gelesen, gesungen oder gesprochen werden sollen, wird der gesamte überlieferte Psalter in einem bestimmten Zeitabschnitt vollzogen. Neben einigen wenigen Psalmen, die mit typischen Tagzeiten assoziiert wurden, versinken bei diesem Verfahren die konkreten Einzeltexte in der Bedeutungslosigkeit. Außerdem konnten nur Kleriker und Ordensleute, die Latein beherrschten, die altorientalische Lyrik der Psalmen ansatzweise verstehen. Das Psalmengebet wurde im Mittelalter zu einer zählbaren Verpflichtung einzelner Kleriker und Ordensleute. Paul Bradshaw bezeichnet das Psalmenbeten für Laien wie Kleriker des Mittelalters als »Währung im Handel mit Gott«. Man konnte das Beten des gesamten Psalters gegen bestimmte andere Werke der Buße (wie z.B. Fasten), die man in der geistlichen Begleitung auferlegt bekam, eintauschen. Das skizzierte Verständnis gehört der Vergangenheit an. Es ist aber wahrscheinlich einer der Gründe, warum die Tagzeitenliturgie als Aufgabe religiöser Spezialistinnen und Spezialisten betrachtet wird. Die engagierten Versuche, in der katholischen Kirche eine gemeindliche oder zumindest von Laien getragene Tagzeitenliturgie auf der Basis der Psalmen einzuführen, haben sich noch nicht breit durchgesetzt.

Paul Bradshaw bezeichnet das Psalmenbeten für Laien wie Kleriker des Mittelalters als »Währung im Handel mit Gott«.

Die Psalmen und von ihren Texten inspirierte Lieder spielen in den Liturgien, vor allem aber der Spiritualität einiger Konfessionen des Christentums dennoch wichtige Rollen. Im Judentum hatten Texte wie die Psalmen der Bibel zwar im Kult des Jerusalemer Tempels eine heute nicht mehr rekonstruierbare Funktion. Diese Praxis wurde aber nach der Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. in der Liturgie des rabbinischen Judentums abgebrochen. Die ältesten Elemente der jüdischen Liturgie (die ab dem vierten Jahrhundert standardisiert wird) bedienen sich biblischer Ausdrucksweise. Sie enthalten jedoch keine Psalmen mit Ausnahme des Hallel (Ps 113–118). Auch das Hallel wird »rezitiert«, »vollendet« oder »gesagt«, nicht aber »gesungen« oder »gebetet«. Die frühen Rabbinen führen das Hallel als Teil der Hausliturgie zu Pesach ein. In ihren Anweisungen gehen sie davon aus, dass nur wenige Menschen den Text wirklich sprechen können. Psalmen waren in den folgenden Jahrhunderten für die private Frömmigkeit wichtig, nicht aber für die Liturgie. In seiner Polemik gegen die Karäer (siehe oben) meint Rav Sa’adja Gaon (9. Jh.), dem wir das älteste in seiner ursprünglichen Form erhaltene jüdische Gebetbuch verdanken, dass die Psalmen zur Liturgie am Jerusalemer Tempel gehörten und nach dessen Zerstörung nicht mehr gesungen werden dürfen. Diese Auffassung hatte keinen Bestand. Diese Meinung konnte er aber nur vertreten, weil zu seiner Zeit das Psalmengebet in der jüdischen Liturgie noch nicht etabliert war. Im mittelalterlichen Judentum entsteht mit Schimmusch Tehillim ein kurzes Handbuch, das die Verwendung von Psalmen für viele Zwecke und alltägliche Bedürfnisse empfiehlt. In dieser Zeit setzte sich – gegen die Interessen Sa’adjas – das Lesen von Gruppen von Psalmen in der gemeindlichen Liturgie durch. Die Psalmen finden heute unter den späteren Zusätzen am Anfang der Gemeindeliturgie ihren Platz. Aus den Überlegungen zu den Psalmen ergibt sich eine erste gemeinsame Frage zum Verhältnis von Bibel und Liturgie in Judentum und Christentum; nämlich, was man mit »Gebet« meinen will, wenn es sich dabei um das Lesen von jahrhundertealten Texten handelt. Dabei wird die Spannung zwischen der Autorität und Würde der alten, kanonischen Texte auf der einen Seite und der kreativen Energie und dem Wunsch nach Aktualität und Relevanz auf der anderen Seite sichtbar. Jüdische und christliche Liturgien aller Epochen müssen darauf eine Antwort finden. Jede Antwort hat Auswirkungen auf ihre liturgische Praxis.

Lesungen als verstehensunabhängiges Ritual

Manche Texte der Bibel haben als Lesung Eingang in jüdische und christliche Liturgien gefunden. Die ersten Nachrichten darüber, dass sich rabbinische Juden und Christen mit den Texten der Tradition befassen, tragen Spuren der gemeinschaftlichen Auseinandersetzung mit einem Text. Im rabbinischen »Lehrhaus« wurde die Tradition studiert, nicht rituell vergegenwärtigt. Im zweiten Jahrhundert beschreibt der christliche Märtyrer Justin, wie sich seine Gruppe von Philosophen zunächst eine Passage vortragen und anschließend auslegen lässt – »solange die Zeit reicht« und nicht solange das Ritual dauert. Später ist das Lesen in beiden Religionen zu einem Ritual geworden. Es geht nicht mehr darum, einen unbekannten Text kennen zu lernen. Heute gäbe es viel effizientere Methoden, sich einen Text anzueignen, als ihn sich von einem Diakon oder dem Kantor der jüdischen Gemeinde vorsingen zu lassen. Im Christentum und im Judentum lassen sich ähnliche Entwicklungen im Umgang mit liturgischen Lesungen beobachten. Sie führen von Verfahren zum Verstehen des Textes zu Ritualen mit unterschiedlichen Funktionen. Beide Religionen verbinden sehr früh die Auswahl an Bibeltexten mit dem Festkreis und später mit dem Zeitraum eines Jahres. Im Christentum entstehen Leseordnungen. Im Judentum setzt sich im Mittelalter durch, dass die gesamte Tora auf die Wochen eines Jahres aufgeteilt vorzutragen ist. Das Vorlesen wird ritualisiert. Man stellt hierarchische Unterschiede zwischen Vorlesern und Texten dar. Zur Lesung der Toraabschnitte sollte im Judentum zuerst ein Mann aus der Familie Aarons (deren Mitglieder in der Antike am Jerusalemer Tempel die wichtigsten Aufgaben wahrzunehmen hatten) aufgerufen werden. Es folgt ein Mann aus den übrigen Nachkommen Levis. Erst dann werden die restlichen Mitglieder der Gemeinde aufgerufen. Die Toralesung erfordert Vorbereitung oder Ausbildung und wird einem geübten Kantor über- tragen. Außerdem kann die Liturgie nur stattfinden, wenn zehn Männer (z.B. aber in der Gemeinde Schira Chadascha in Jerusalem nur, wenn zehn Männer und zehn Frauen) anwesend sind.

Zur Lesung der Toraabschnitte sollte im Judentum zuerst ein Mann aus der Familie Aarons (deren Mitglieder in der Antike am Jerusalemer Tempel die wichtigsten Aufgaben wahrzunehmen hatten) aufgerufen werden.

Im Judentum kommt dem Studium der Tora eine weitere Bedeutungsdimension zu: Die Zerstörung des Tempels und die Unmöglichkeit seiner Wiedererrichtung stellten die Rabbinen auf unabsehbare Zeit vor die Herausforderung, den gesamten Tempelkult einfach zu vergessen oder ihn auf irgendeine Weise fortzusetzen. Allerdings fordern die biblischen Gesetze über den Tempelkult seinen Vollzug und machen gleichzeitig klar, dass es an keinem anderen Ort einen Ersatz dafür geben kann. In der rabbinischen Literatur findet sich daher die Vorstellung, dass man mit dem Gebet die Funktion des Tempelkults und das Gebot ihn zu vollziehen erfüllen kann. Dasselbe kommt auch dem Studium der Gesetze, die den Tempelkult regeln, zu. Während diese Teile des Alten Testaments in den christlichen Liturgien bald keine Rolle mehr spielten, wurden sie im rabbinischen Judentum sehr wichtig. Der Vorgang führte nicht nur zur intellektuellen Beschäftigung mit der Tora, sondern auch zur (ritualisierten) Toralektüre an den Festtagen. Ritualisierte Lektüre und Textauswahl geben in Judentum und Christentum der Lektüre der Tora, des Evangeliums und der übrigen Bibeltexte eine Bedeutung, die nichts mit dem vorgelesenen Text zu tun haben muss oder vom konkreten Verstehen des vorgelesenen Textes unabhängig ist. Denen, die den Text nicht kennen, erschwert es die Vortragsweise, ihn wahrzunehmen. So deuten schon die rabbinischen Gelehrten der Antike die Liturgie der Toralesung als Darstellung der Gabe der Tora am Berg Sinai. Die christliche Lesung proklamiert den allen Anwesenden bekannten Sinn eines Festes. Durch das Lesen werden religiöse Gebote erfüllt, historische Ereignisse (der Exodus, Geburt und Tod Christi) oder Institutionen (die Liturgie am Jerusalemer Tempel) dargestellt. Es wird die hierarchische Struktur der Gemeinde angedeutet. Durch das Hören des altehrwürdigen Textes wird ein Gefühl von Beheimatung in einer Tradition angeregt. Die formale Autorität der Bibel steigt. Das lädt ein sie formal zu nutzen.

Heilige Texte, heilige Bücher, heilige Dinge

In der jüdischen Liturgie werden gelegentlich kurze Bibeltexte als Begründung (z.B. für Feierinhalte) zitiert. Aufgrund seiner musikalischen Gestalt und der Verwendung im Kiddusch zum Sabbat könnte man z.B. Ex 31,16f. als Gebet verstehen. Der Bibeltext wird aber durch eine ausführliche Einleitung als Zitat klassifiziert: »Mose freut sichüber die Gabe seines Anteils. … Er brachte zwei Steintafeln in seiner Hand herunter. Auf ihnen ist die Einhaltung des Sabbats geschrieben; und so ist in deiner Tora geschrieben: …«. In diesen Kontexten spielt nicht nur die Autorität, sondern auch die Bedeutung des Textes eine Rolle. Die matthäische Version des Vaterunsers hat sich in vielen christlichen Konfessionen nicht nur als privates, sondern auch für unterschiedliche Anlässe als gemeinschaftliches Gebet durchgesetzt. In der katholischen Messe wird es seit der Liturgiereform von allen gesprochen. Es folgt einer Einleitung, die auf einen angeblichen Auftrag Jesu hinweist: »Dem Wort unseres Herrn und Erlösers gehorsam und getreu seinem göttlichen Auftrag …«. Im biblischen Kontext (Mt 6,5f.) rät (der literarische) Jesus aber ganz im Gegenteil davon ab »in den Versammlungen« zu beten. Der Inhalt des Gebets trägt heute nichts zum liturgischen Kontext, in dem es gesprochen wird, bei. Es ist formal ein heiliger und inhaltlich ein belangloser Text geworden. In der jüdischen Gemeindeliturgie wird das Lesen des »Höre Israel« (Dtn 6,4–9; 11,13–21; Num 15,37–41) mit Brakhot (Segnungen) gerahmt und gemeinschaftlich eingeleitet. Das Lesen selbst wird aber auch in der Gemeindeliturgie als Aktivität der Einzelnen stilisiert.

Der Text enthält schließlich das Gebot, dass man ihn »beim Niederlegen und beim Aufstehen« – morgens und abends – »sprechen« soll. Dtn 11,18 setzt fest, dass man die Gebote in Amuletten tragen soll (heute Ex 13,1–10; 11–16; Dtn 6,4–9; 11,13–21). Damit hat der Text eine Funktion als Gegenstand. In manchen christlichen Konfessionen wird das Evangeliar, in der jüdischen Liturgie die Torarolle in einer Prozession durch den Gebetsraum getragen. Das Evangeliar wird auch mit dem Text nach unten bei der Ordination des Bischofs über dessen Haupt gehalten, bei der Verlesung erhoben und dem Diakon bei der Ordination überreicht. In Ritualen außerhalb der Kirche können Menschen Eide auf die Bibel ablegen. Liturgien des Judentums und des Christentums und andere Rituale drängen offenbar dazu, dass man in ihnen eingesetzte Texte als Handlungen wahrnimmt, versteht und schließlich weiterentwickelt. Wenn Ordensleute Ps 45,10 singen, vollziehen sie eine Handlung, der sie oder die Liturgiekommentare Funktionen und Bedeutungen zuweisen können. Sie empfehlen aber nicht ihren Töchtern, sich dem Harem des Königs anzuschließen. Es ist unerheblich, auf welcher Seite das Evangelienbuch über dem Kopf des Bischofs aufgeschlagen ist. Die offene Torarolle (deren Text zu dieser Handlung allerdings abgedeckt wird) ist der Ort, an dem in der jüdischen Liturgie ein Äquivalent zu den christlichen Fürbitten gesprochen wird. Die amerikanischen Präsidenten müssen wahrscheinlich nicht an die Flüche von Dtn 27,15–26 oder sonst einen Bibeltext denken, wenn sie ihren Amtseid leisten. Sobald die Bibel Teil der Liturgie wird, wandelt sie sich über Zwischenstadien, die gleichzeitig Teile derselben Liturgie sind, vom Text zum Teil einer Handlung zum Gegenstand. Was die Feiernden als ihre Funktionen und die Gründe für die Verwendung der Bibel verstehen, ist mehrdeutig und kann widersprüchlich sein. Christentum und Judentum schöpfen aus der Lektüre biblischer Texte Begründung und inhaltliche Füllung der Feste und bestimmter Elemente der Liturgie. Sie erfüllen durch die Lektüre Gebote und Verpflichtungen. Die Ehrfurcht vor dem Bibeltext fördert die diffuse, schließlich textunabhängige Autorität der Bibel und damit die Verwendung der konkreten Textträger als heilige Gegenstände.

Prof. Dr. Clemens Leonhard

ist Professor für Liturgiewissenschaft und Seminardirektor am Seminar für Liturgiewissenschaft an der Universität Münster. Forschungsfelder: Geschichte der christlichen Liturgie in der Antike (Mahl und Eucharistie, Taufe, Feste), jüdische Liturgie (besonders Feste), Liturgieinterpretation

E-Mail: clemens.leonhard@uni-muenster.de

Zusammenfassung

Die Bibel spielt unterschiedliche Rollen in der Liturgie: als Text, der (verstanden oder unverstanden) vorgelesen oder gesungen wird, als Hintergrund für Erzählungen und Theologien, als Vorbild beim Formulieren von liturgischem Text, als Teil ritueller Handlungen und als stummes Objekt. Im Judentum und im Christentum muss das Verhältnis zwischen Bibel und Liturgie immer wieder justiert werden.